Naziterror stoppen! Staatliche Verstrickungen offenlegen! Antisemitismus entgegentreten!

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In Er­in­ne­rung an Shlo­mo Lewin und Frida Poeschke
Kund­ge­bung | 19.​12.​13 | 18:30 Uhr | Hu­ge­not­ten­platz Er­lan­gen

Am 19. De­zember 1980 wur­den Shlo­mo Lewin und seine Le­bens­ge­fähr­tin Frida Poeschke in ihrer Er­lan­ger Woh­nung er­mor­det. Shlo­mo Lewin war der Vor­sit­zen­de der is­rae­li­ti­schen Kul­tus­ge­mein­de Nürn­berg und woll­te auch eine Kul­tus­ge­mein­de in Er­lan­gen grün­den. Durch den antisemitischen Mord wurde dies grausam ver­hin­der­t.

Am Tat­ort blei­ben eine Son­nen­bril­le und Pa­tro­nen­hül­sen zu­rück. Die Bril­le ge­hört Fran­zis­ka Birk­mann, der Freun­din von Karl­heinz Hoff­mann, dem An­füh­rer der nach ihm be­nann­ten Wehr­sport­grup­pe und einer der ein­fluss­reichs­ten Rechts­ex­tre­mis­ten in Deutsch­land zu die­ser Zeit. Dieser konnte auch auf zahl­rei­che Un­ter­stüt­zer_in­nen in der so­ge­nann­ten Mitte der Ge­sell­schaft bauen. Dar­un­ter auch der Rüs­tungs­fa­bri­kant und Eh­ren­bür­ger der Stadt Nürn­berg, Karl Diehl.

Er­mitt­lun­gen nur schlam­pig oder ge­zielt sa­bo­tiert?

Trotz der durch eine Gra­vur ein­deu­tig zu­ort­ba­ren Bril­le wird Fran­zis­ka Birk­mann erst fünf Wo­chen nach dem Dop­pel­mord von der Po­li­zei be­fragt. In der Zwi­schen­zeit er­mit­tel­te die Po­li­zei indes in alle Rich­tun­gen und such­te die Täter aus­ge­rech­net auch im Kreis der is­rae­li­ti­schen Ge­mein­de. Auch die am Tat­ort ge­fun­de­nen Pa­tro­nen­hül­sen las­sen Fra­gen offen: So ver­schwan­den in der Po­li­zei­in­spek­ti­on Ans­bach im Juli des glei­chen Jah­res 97 Patronen der sel­ben Mu­ni­ti­on die am Tat­ort ge­fun­den wurde. Im Ja­nu­ar 1983 erhob die Staats­an­walt­schaft dann end­lich An­kla­ge gegen Hoff­mann wegen ge­mein­schaft­lich be­gan­ge­nen Mor­des, wel­che aber erst im Revisionsanstrag im September 1984 zugelassen wurde.

Auf dem rech­ten Auge blind?

Wer Pro­zes­se gegen An­ti­fa­schis­t_In­nen ge­wohnt war, rieb sich ver­wun­dert die Augen: Die ent­ge­gen­kom­men­de Ver­hand­lungs­füh­rung des Vor­sit­zen­den Rich­ters Koob gab dem An­ge­klag­ten aus­führ­lich Ge­le­gen­heit zur Selbst­dar­stel­lung. Auf einem extra auf­ge­bau­ten Red­ner­pult konn­te Hoff­mann vor Ge­richt stun­denlan­ge Stel­lung­nah­men zur An­kla­ge und über seine Ge­sin­nung ab­ge­ben. Dabei lie­fert ein Dia­log zwi­schen dem Rich­ter und dem An­ge­klag­ten Hoff­man ein gutes Bild sei­ner antisemitische Geis­tes­hal­tung. Vor­sit­zen­der: „Wann wol­len Sie über die Er­lan­ger Sache spre­chen?’’ Hoff­mann: „Zu­nächst möch­te ich mich all­ge­mein zur Ju­den­fra­ge äu­ßern.’’

Viele Um­stän­de im Zu­sam­men­hang mit dem antisemitischen Dop­pel­mord blie­ben un­ge­klärt. Viele Fra­gen wur­den nicht ­ge­stellt, bei­spiels­wei­se zum Mu­ni­ti­ons­ver­lust bei der Po­li­zei­in­spek­ti­on Ans­bach, bei der nie ein Ver­gleich mit der Mord­mu­ni­ti­on ge­macht wurde.

Nach 186 Ver­hand­lungs­ta­gen wurde Karl-​Heinz Hoff­mann schließ­lich vom Vorwurf, den Doppelmord geplant und in Auftrag gegeben zu haben, freigesprochen. Jedoch wurde er wegen Kör­per­ver­let­zung an sei­nen Ge­folgs­leu­ten im Li­ba­non, Geld­fäl­schung, Straf­ver­ei­te­lung und Ver­stö­ßen gegen das Waf­fen­ge­setz zu neun­ein­halb Jah­ren Freiheitsstrafe ver­ur­teilt. Als mut­maß­li­cher Täter blieb „WSG-​Vi­ze“ Uwe Beh­rendt übrig. Der ein­zi­ge Zeuge dafür war Hoff­mann selbst, der aussagte Behrendt hätte ihm nach dem Mord gesagt: „Chef, ich habe es auch für dich getan“. Drei Wo­chen vor Pro­zess­be­ginn iden­ti­fi­zier­ten LKA-​Be­am­te im Li­ba­non Behrendts Lei­che. Er soll Selbst­mord be­gan­gen haben und wurde wie andere zuvor als Einzeltäter deklariert.

Und heute…

Zwei Jahre nach dem Be­kannt­wer­den der Ver­stri­ckun­gen des Ver­fas­sungs­schutz mit dem NSU und der schlep­pen­den Auf­klä­rung der Morde wird klar, dass der In­lands­ge­heim­dienst eben nicht nur auf dem „rech­ten Auge blind“ war, son­dern struk­tu­rell in die Vor­fäl­le ver­wi­ckelt war.
Rassismus, Antisemitismus und anderen Formen von menschenverachtendem Denken sind in der gesamten Gesellschaft weit verbreitet. Laut einer Langzeitstudie der Uni Leipzig vertreten über ein Drittel der Bevölkerung teils antisemitische Vorurteile und jeder zweite ausländerfeindliche Vorurteile. Es handelt sich also nicht um verwirrte Einzeltäter, sondern um in der Gesellschaft verankerte Geisteshaltungen, die den Nährboden für solche Taten bilden.

GEDENKKUNDGEBUNG

19.​12.​13 | 18:30 Uhr
Hu­ge­not­ten­platz Er­lan­gen
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